Der Borretsch (Borago officinalis): Wilder Gurken-Salat mit heilender Öl-Saat

Wer im Frühjahr oder Sommer über Wiesen, Wegränder und Schutthalden streift, übersieht ihn selten: Seine leuchtend blauen, sternförmigen Blüten und die borstig-raue Behaarung machen den Borretsch (Borago officinalis) zu einem echten Blickfang. Wegen seines verblüffend frischen Aromas ist er im Volksmund als Gurkenkraut bekannt.
Doch im Kontext von Selbstversorgung, Bushcraft und Krisenvorbereitung ist der Borretsch ein zweischneidiges Schwert. Er liefert exzellente Medizin für Haut und Nerven und bringt erfrischenden Geschmack in die fade Feldküche.
Steckbrief: Die biologischen Fakten im Überblick
Borretsch ist ein extrem pflegeleichter Überlebenskünstler, der sich dank cleverer Allianzen in der Natur rasant ausbreitet.
Botanischer Name: Borago officinalis
Familie: Raublattgewächse (Boraginaceae)
Vorkommen: Europa, Nordamerika; eingewandert nach Südamerika, Australien und Neuseeland.
Typische Fundorte: Schutthalden, Wiesen, Wegränder, Schuttplätze und Bauerngärten.
Wichtige Inhaltsstoffe: Schleimstoffe, Gerbstoffe, Harz, Saponine, Pro-Vitamin A, Vitamin C, 25–40 % wertvolles Öl in den Samen (Gamma- und Alpha-Linolensäuren), Pyrrolizidinalkaloide (PA).
Essbare Teile: Blätter, Knospen, Blüten und Samen.
Sammelzeit: April bis Oktober.
Felddiagnose: Borretsch
Der Borretsch ist eine einjährige, krautige Pflanze mit einer Wuchshöhe von 20 bis 70 cm.
Die Oberfläche: Wie fast alle Raublattgewächse ist die gesamte Pflanze starr und rau behaart.
Die Blätter: Die Blätter sind eiförmig, zugespitzt und weisen meist einen leicht gebuchteten Rand auf. Die unteren Blätter sind deutlich gestielt.
Die Blüten: Die intensiv blauen, nickenden Blüten werden etwa 3 cm groß. Borretsch ist eine grandiose Bienenweide und produziert pro Blüte täglich ca. 1–1,3 g Zucker.
Die Ausbreitung (Ameisen-Taxi): Nach der Bestäubung bilden sich sogenannte Klausenfrüchte im Fruchtknoten. Bei Reife fallen sie zu Boden, wo Ameisen sie wegen eines fettreichen Anhängsels (Elaiosom) gerne auflesen und so für die kostenlose Verbreitung im Gelände sorgen.
Der Sensorik-Test: Zerreibst du ein Blatt oder schneidest du den Stängel an, riecht der Pflanzensaft exakt wie frisch aufgeschnittene Gurke oder Zucchini.
Verwendung als Nahrung: Erfrischung im Camp & Pelmeni-Rezept
Das feine Gurkenaroma macht den Borretsch zu einer willkommenen Bereicherung im oft eintönigen Speiseplan der Notverpflegung.
Feldküche: Blätter, Stängel und Blüten schmecken roh im Salat, gekocht oder gebraten im Wildgemüse oder eingelegt mit Gurken. Sie sind die perfekte Zutat für Kräuterquark, Tsatsiki oder als herzhafte Füllung für Teigtaschen.
Samen & Gewürz: Die Blätter lassen sich getrocknet als Gewürz und Tee nutzen. Die fettreichen Samen können roh geknabbert, vermahlen oder zu Öl verarbeitet werden.
Outdoor-Rezept: Pelmeni mit Borretsch-Füllung (Russische Tortellini)
Eine sättigende, kohlenhydrat- und vitaminreiche Mahlzeit für das Feldlager.
Die Füllung: Schneide 150 g Borretsch, 1 Zwiebel und 1 Möhre ganz klein (oder püriere alles). Nach Belieben würzen. Vermenge die Masse mit gerösteten Sonnenblumenkernen oder anderen Saaten für extra Kalorien.
Der Teig: Knete aus 250 g Wurzel- oder Getreidemehl, ggf. 1 Ei, etwas Wasser und einer Prise Salz einen festen Nudelteig.
Zubereitung: Roll den Teig fein aus, stich Kreise aus, gib die Borretsch-Füllung hinein und verschließe die Ränder gut. Anschließend kurz in kochendem Salzwasser gar kochen. Nicht unbedingt etwas für die anspruchslose Krisenküche, aber eine Empfehlung wert.
Phytotherapeutischer Wert: Hochleistungs-Öl für Haut & Nerven
Borretsch ist eine historische Heilpflanze. Früher wurde er gegen Fieber, Durchfall und sogar Lungenentzündungen eingesetzt. Seine wahren Stärken liegen jedoch in der Dermatologie und Neurologie:
1. Äußere Tee-Anwendung
Der aufgebrühte Borretsch-Tee kann als Umschlag auf entzündliche Gelenke sowie auf wunde, trockene Hautstellen aufgetropft werden, um den Juckreiz zu lindern.
2. Das kostbare Borretschsamen-Öl
Das aus den Samen gepresste Öl ist eine absolute Waffe bei Hautproblemen. Es enthält extrem hohe Konzentrationen an Gamma-Linolensäure (GLA).
Hautkrankheiten: Wirkt Wunder bei Neurodermitis sowie juckenden, trockenen oder nässenden Hauterscheinungen.
Gelenke & Entzündungen: Rheumatische Arthritis wird mit Borretschöl sowohl innerlich als auch äußerlich unterstützend behandelt.
Nervensystem & Herz: Das Öl wirkt blutdrucksenkend und entfaltet eine protektive und kurative Wirkung auf das Gehirn und das Nervensystem.
Eine gefährliche Alkaloid-Falle?
Im Survival-Kontext gilt aus Sicht diverser Experten für den Borretsch eine überlebenswichtige Regel, die du kennen solltest.
Vorsicht vor Pyrrolizidinalkaloiden (PA)!
Borretsch enthält geringe Mengen an Pyrrolizidinalkaloiden. Diese Stoffe können bei langfristigem, hochdosiertem Verzehr leberschädigend und krebserregend wirken. Ähnliches gilt auch für den Huflattich, der seit Jahrtausenden in der Heilkunde angewendet wurde, heute aber nicht mehr.
- Für die Notnahrung: Verwende Borretsch bei Bedenken gegenüber den genannten Alkaloiden lieber nur als gelegentliches Gewürz oder frisches Beiwerk, aber nicht als Haupt-Nutzpflanze über Wochen hinweg! Die Gefahr, die von diesen Stoffen ausgeht, ist aufgrund der geringen Menge in der Regel nicht akut und in Notfällen zu vernachlässigen.
- Sichere Heilung: Das kaltgepresste Samenöl ist in der Regel frei von diesen schädlichen Alkaloiden und kann gefahrlos medizinisch genutzt werden.
Tipp für den Selbstversorger-Garten
Da Borretsch eine extrem ergiebige Bienenweide ist, eignet er sich perfekt für den Anbau rund um einen autarken Schutzgarten. Wer eigene Bienenstöcke zur Honiggewinnung betreibt oder Wildbienen anlocken möchte, um die Befruchtung der eigenen Obst- und Gemüsebestände zu sichern, findet im Borretsch einen verlässlichen Bio-Katalysator.
Fazit: Gewürz und Heilöl ja – Monokultur nein!
Der Borretsch ist eine faszinierende Pflanze. Er schenkt der Wildnis-Küche ein großartiges Frische-Aroma, ist nahrhaft und liefert aus seinen Samen eines der wertvollsten Heilöle gegen Hautentzündungen und bestimmte Nervenleiden.
Mehr Survivalwissen über Wild- und Heilpflanzen findest du im Blog unter Pflanzenkunde!




